Cannabis, wissenschaftlich bekannt als Cannabis sativa L., wird in China seit mehr als 4000 Jahren zu medizinischen Zwecken verwendet. Die früheste dokumentierte medizinische Nutzung von Cannabis wird dem legendären chinesischen Kaiser Shen Nung zugeschrieben, der vermutlich um 2700 v. Chr. gelebt hat. Die medizinische Verwendung von Cannabis wurde im Shen Nung Pen-ts’ao Ching festgehalten, einem chinesischen Kräuterheilbuch aus dem 2. Jahrhundert, das ein breites Spektrum an Beschwerden – von Menstruationsproblemen bis hin zu kognitiven Störungen – behandelt. Ursprünglich verwendeten die Chinesen Cannabis vor allem in Form von Samen als Arzneimittel. Die medizinische Nutzung der Pflanze verbreitete sich nach Indien, Persien und Assyrien und anschließend in den Nahen Osten, nach Afrika, Europa und schließlich in die Vereinigten Staaten.
Im 19. Jahrhundert führte William B. O’Shaughnessy, der in Indien tätig war, C. sativa in England ein. 1839 veröffentlichte er On Preparations of the Indian Hemp or Gunjah, in dem er seine erfolgreichen Experimente am Menschen beschrieb – insbesondere die Anwendung von Cannabispräparaten zur Behandlung von Muskelkrämpfen, Rheuma und krampfartigen Anfällen. Später, in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, erschien in Europa und den Vereinigten Staaten eine große Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten über den therapeutischen Wert von Cannabis.
Cannabis kommt in mehreren Arten vor: Cannabis sativa, Cannabis indica und Cannabis ruderalis. In Cannabisarten wurden mehr als 500 Verbindungen identifiziert, darunter etwa 100 Cannabinoide mit einer terpenophenolischen Struktur mit 21 Kohlenstoffatomen. Von diesen Verbindungen sind die häufigsten Tetrahydrocannabinol (THC), das psychoaktive Wirkungen hervorruft, und Cannabidiol (CBD), das keine psychoaktive Wirkung besitzt.
Phytocannabinoide sind die von der Cannabispflanze gebildeten Cannabinoide und umfassen mehr als 100 natürlich vorkommende chemische Verbindungen. Neben THC und CBD sind auch Terpene und Flavonoide reichlich vorhanden. THC wirkt psychoaktiv, während CBD nicht psychotrop ist. Die jüngste Legalisierung von Cannabis hat zu einem raschen Anstieg der medizinischen Verwendung von Cannabis und seinen Produkten geführt, was eine erneute Überprüfung ihrer Wirkmechanismen und Pharmakokinetik angestoßen hat.
Wirkmechanismen
Ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Wirkungen von Cannabinoiden war die Identifizierung des Endocannabinoid-Systems (ECS). THC und CBD trugen wesentlich zur Entdeckung der Signalwege des ECS bei. THC interagiert mit Cannabinoid-Rezeptoren vom Typ 1 (CB1), die überwiegend im zentralen Nervensystem lokalisiert sind, während CBD mit Cannabinoid-Rezeptoren vom Typ 2 (CB2) interagiert, die vor allem im Immunsystem exprimiert werden. Endogene Cannabinoide wie Anandamid (AEA) und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG) modulieren die Aktivität des ECS. Sowohl CB1- als auch CB2-Rezeptoren sind im gesamten Herz-Kreislauf-System weit verbreitet.
Neben der Interaktion mit CB1- und CB2-Rezeptoren interagieren Endocannabinoide und Phytocannabinoide auch mit einer Vielzahl anderer Rezeptoren und Enzyme, darunter verschiedene G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (GPR55, GPR18, GPR3, GPR6, GPR12), Transient-Receptor-Potential-Kanäle (TRP; Vanilloid TRPV1–TRPV4, Ankyrin TRPA1, Melastatin TRPM8), Peroxisomen-Proliferator-aktivierte Rezeptoren (PPAR2, PPARγ), Monoamin-Transporter (Noradrenalin, Dopamin, Serotonin-1A-Rezeptoren), Fettsäureamid-Hydrolase, Monoacylglycerol-Lipase, Fettsäurebindende Transporter, Adenosin-Äquilibrative-Nukleosidtransporter sowie Glycinrezeptoren α1 und α3.
Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass die Endocannabinoid-Funktion bei verschiedenen Erkrankungen wie Migräne, Fibromyalgie, Reizdarmsyndrom, Multipler Sklerose, diabetischer Neuropathie, Parkinson-Krankheit usw. vermindert ist. Die Theorie des Endocannabinoid-Mangels geht davon aus, dass ein solcher Mangel genetisch, angeboren oder erworben sein kann – etwa infolge von Verletzungen oder Krankheiten – und zu charakteristischen pathophysiologischen Syndromen mit spezifischer Symptomatik führen kann. Phytocannabinoide mit ähnlichen Effekten an Cannabinoid-Rezeptoren könnten einen Behandlungsansatz für diese Erkrankungen bieten. Synthetische Cannabinoide sind im Labor hergestellte Verbindungen, die so konzipiert sind, dass sie die Struktur oder Funktion endogener Cannabinoide oder Phytocannabinoide nachahmen. Die meisten dieser synthetischen Präparate basieren auf THC, einem natürlichen Cannabinoid. Sie besitzen eine hohe Affinität zu CB1-Rezeptoren, die mit den psychoaktiven Wirkungen von Cannabis bzw. dem „High“ verbunden sind. Laut den Berichten des Europäischen Beobachtungszentrums für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) aus dem Jahr 2019 wurden mindestens 180 verschiedene synthetische Cannabinoide identifiziert. Diese synthetischen Verbindungen werden üblicherweise entweder geraucht oder in konzentrierter flüssiger Form konsumiert. Zu den unerwünschten Wirkungen synthetischer Cannabinoide können Herzinfarkte, Paranoia, starke Angst, Übelkeit, Erbrechen, Verwirrtheit, Koordinationsstörungen und Krampfanfälle gehören. Interessanterweise berichteten einige Personen über starke Zwangsimpulse und anhaltendes Verlangen, den Konsum selbst noch eine Woche nach dem Entzug wieder aufzunehmen, während andere Entzugssymptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen beschrieben.
Pharmakokinetik
Die Unterschiede in Cannabiswirkstoffen hängen vom Konsumweg ab. THC wird bei oraler Einnahme in der Leber metabolisiert und bei Inhalation rasch über die Lunge aufgenommen. CBD weist – ähnlich wie THC – eine komplexe Pharmakokinetik und eine geringe orale Bioverfügbarkeit über verschiedene Spezies hinweg auf. Sowohl THC als auch CBD interagieren mit Cytochrom-P450-Enzymen, was den Stoffwechsel verschiedener Medikamente verändern kann. Zudem wurden Bedenken hinsichtlich des Übergangs von THC in die Muttermilch geäußert; daher wird während Schwangerschaft und Stillzeit besondere Vorsicht betont.
Fazit
Zusammenfassend haben Cannabis und seine Inhaltsstoffe eine lange Geschichte in der Medizin, und ihr therapeutisches Potenzial sowie ihre pharmakologischen Wirkungen werden weiterhin intensiv erforscht. Das Verständnis der Wirkmechanismen und der Pharmakokinetik von Cannabis ist entscheidend, um den medizinischen Nutzen zu maximieren und gleichzeitig potenzielle Risiken zu minimieren.
Quelle: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8803256/




